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Ethik und Moral in der Wirtschaftsinformatik

Der Workshop EMoWI 2020 ist als Fortsetzung der auf der Wirtschaftsinformatik 2019 in Siegen erfolgreich begonnenen Workshop-Reihe EMoWI konzipiert. Der Workshop hat bereits bei seiner ersten Durchführung 2019 eine erfreuliche Resonanz erfahren, und die Teilnehmer haben ein deutliches Interesse an einer Fortsetzung der Reihe bekundet. Die Proceedings des vorhergehenden Workshops sind unter http://ceur-ws.org/Vol-2297/ verfügbar. Ethik bezeichnet den Teilbereich der Philosophie, der nach Kant über die philosophische Grundfrage „Was soll ich tun?“ reflektiert, in Abgrenzung zu den drei anderen Grundfragen „Was kann ich wissen?“, „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“.

„Was soll ich als Wirtschaftsinformatiker tun?“ ist damit die Grundfrage, mit der sich der Themenbereich „Ethik und Moral in der Wirtschaftsinformatik“ auseinandersetzt. Als ethische Frage mit philosophischem Anspruch geht es dabei nicht nur um situationsbezogene Einzelaussagen. Die Frage ist zudem unter Einnahme einer Abstraktionsebene oberhalb der methodischen Prinzipien unserer Disziplin zu stellen. Aus einer solchen distanzierten Perspektive können beispielsweise fachliche Grundprinzipien der Wirtschaftsinformatik in Bezug zu Konzepten menschlicher Handlungs- und Reflexionsfähigkeit gesetzt werden. Dies umfasst etwa eine Analyse von Konzepten wie Prozesse, Architekturen, Algorithmen und organisationale Regeln vor dem Hintergrund von Weltanschauungen, Menschenwürde und Werten. Umgekehrt implizieren neuere Entwicklung innerhalb der Wirtschaftsinformatik gleichsam eine sprunghafte Verschiebung der Bedingungen klassischer Moralphilosophien. Hier ist insbesondere an jüngere Ergebnisse der Künstliche Intelligenz-Forschung zu denken. Die kritische Beurteilung derartiger Angebote kann nicht der konventionellen Philosophie überlassen werden, da diese im Gegensatz zur Wirtschaftsinformatik in der Regel kein elaboriertes Verständnis von IT-Artefakten bemühen kann.
Der Workshop EMoWI 2010 hat das Ziel, eine Plattform für die ethische Reflexion von Themen aus dem gesamten fachlichen Spektrum der Wirtschaftsinformatik zu bieten. Er versteht sich damit als Querschnitts-Workshop mit großer thematischer Breite.

Einreichungen zum Workshop sind eingeladen, ethische und moralische Fragen aus dem gesamten Spektrum der Wirtschaftsinformatik zu behandeln. Das beinhaltet methodologische und philosophische Untersuchungen ebenso wie Berichte aus konkreten Projekten in Wissenschaft und Praxis, in denen Fragen nach dem richtigen oder notwendigen Handeln eine Rolle spielen. Die Anwendung spezifischer philosophischer Methoden und Theorien der Philosophie ist nicht erforderlich. Die nachfolgend aufgeführten Fragen geben einen exemplarischen Eindruck über das Themenspektrum des Workshops, wobei Erweiterungen herzlich willkommen sind:

  • Sind die Betrachtungsgegenstände der WI mit spezifischen ethischen Fragen verbunden? Ergeben sich aus den zumeist intangiblen Betrachtungsgegenständen der WI besondere ethische Herausforderungen?
  • Manifestieren sich in den Methoden der WI spezifische Wertesysteme oder Weltanschauungen?
  • Welche Implikationen haben jüngere Entwicklungen wie z. B. Ergebnisse der Künstliche Intelligenz-Forschung für klassische Moralphilosophien? Welche neuen Herausforderungen ergeben sich im Kontext derartiger Angebote; welche traditionellen Herausforderungen lassen sich u. U. entschärfen?
  • Sind spezifische moralphilosophische Theorieströme (z. B. deontologische und konsequentialistische Moraltheorien) für die WI von besonderer Relevanz? Manifestieren sich in einschlägigen Entscheidungsmodellen der WI Grundprinzipien bestimmte Moraltheorien (z. B. des Konsequentialismus)?
  • Auf welche Aspekte sollte ein „Code of Ethics“ für die Wirtschaftsinformatik, ggf. in Abgrenzung zum „Code of Ethics“ der ACM, besonders eingehen?
  • Welche individuellen Erfahrungen haben Wirtschaftsinformatiker mit ethischen Fragen bei der Lösung fachlicher Aufgabenstellungen gemacht?
  • Welche Initiativen zum Umgang mit ethischen Werten der WI existieren auf akademischer und industrieller Ebene? Und welche Auswirkungen haben sie bisher?
  • Welche Berücksichtigung finden ethische Themen in WI-Lehrplänen weltweit?

Beiträge zum Workshop können auf Deutsch oder Englisch eingereicht werden. Der Call-for-Papers wird zweisprachig formuliert werden. Es ist darüber hinaus vorgesehen, im Rahmen des Workshops Raum zur Diskussion eines möglichen gemeinsamen Zeitschriftenartikels der Autor/innen der angenommenen Beiträge zu geben.

Weitere Informationen zum Workshop sind hier zu finden: https://sites.google.com/view/EMoWI2020

Vorgesehene Zielgruppe

Zielgruppe des Workshops sind Wissenschaftler und Praktiker der WI und angrenzender Disziplinen, die an ethischen Fragestellungen im Kontext sozio-technischer Systeme interessiert sind. Ein fachlicher Hintergrund im Bereich Philosophie ist keine Voraussetzung zur Einreichung oder Teilnahme am Workshop, auch wenn Beiträge von philosophisch ausgebildeten Autor/innen herzlich willkommen sind. Der Workshop spricht somit sowohl Teilnehmer der WI 2020 als auch Autor/innen an, die nur an diesem Workshop interessiert sind.

Kurzbiographien der verantwortlichen Organisatoren

Dr. Jens Gulden hat Wirtschaftsinformatik und Philosophie studiert. Er lehrt und forscht an der Universität Utrecht über Methoden zur Gestaltung und Anwendung sozio-technischer Informationssysteme. Dies beinhaltet konzeptuelle Modellierung und domänenspezifische Sprachentwicklung, mit Fokus auf visuelle Ausdrucksformen und andere Arten nicht-sprachlicher Vermittlung von Wissen. Die damit verbundenen ethischen Implikationen sind Teil dieser Forschungen.

Alexander Bock, M.Sc., hat Wirtschaftsinformatik studiert und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Unternehmensmodellierung an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsinteressen umfassen menschliche Entscheidungs- und Problemlösungsprozesse, Entscheidungsunterstützungssysteme und konzeptuelle Modellierungssprachen. Eine besondere Bedeutung erfährt in diesem Zusammenhang die Konstruktion von Problemsituation in mentalen und sprachlichen Prozessen.

Dr. Sergio España Cubillo ist Assistant Professor an der Universität Utrecht, wo er im Bachelor Informationswissenschaft und im Master Wirtschaftsinformatik unterrichtet. Er ist Mitglied der Forschungsgruppe Organisation und Information, wo er die Forschungslinie „Software for organisational responsibilty“ leitet. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt auf Unternehmensmodellierung und IKT-Unterstützung für verantwortungsvoll handelnde Unternehmen.